Wissenschaftliche Verortung des Nachhaltigkeitsjournalismus

Journalistische Tätigkeiten, die sich mit dem Feld „nachhaltige Entwicklung“ beschäftigten, lassen sich unter dem Begriff „Nachhaltigkeitsjournalismus“ zusammenfassen. Was ist das journalistisch Besondere daran und welche verschiedenen Verständnisse von „Nachhaltigkeit“ gibt es im Journalismus?

Was ist Nachhaltigkeitsjournalismus?

Der Begriff Nachhaltigkeitsjournalismus fasst journalistische Aktivitäten zusammen, die einen Beitrag zur Debatte des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung leisten beziehungsweise sich darauf beziehen. Der Begriff wurde in dieser Form von der Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus der Leuphana Universität Lüneburg geprägt, die von 2012 bis 2015 dazu geforscht hat und journalistische Projekte in diesem Feld umsetzt. Fest stehend ist dieser Begriff nicht, gibt es doch verwandte Blickwinkel im Journalismus und passende anderslautende Forschungsströmungen, die teils synonym, teils ergänzend verstanden werden können. Nicht nur unter dem sicherlich wichtigsten Schlagwort „Umweltjournalismus“ (vgl. z.B. Michelsen 2013, Interview auf Natur.de) und der Forschung zu „Climate Journalism“ (Neverla/ Schäfer 2012: 17f) finden sich im deutschsprachigen Raum relevante Diskussionen. Auch Begriffe wie „Grüner Journalismus“ oder „Transformationsjournalismus“ (Ronzheimer 2013 in PÖ 2013: 118-123) beleben die Debatte.

Verwendung und Verständnis des Wortes „nachhaltig“

Nachhaltige Entwicklung bleibt für den Journalismus ein ambivalentes Thema, obwohl wir nach Aussage des Journalisten Bernward Janzing (2012) in den letzten Jahren eine „Renaissance des Umweltjournalismus“ erleben. Eine Medienanalyse der Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus (in Veröffentlichung) hat bestätigt, dass Begriffe mit dem Wortstamm „nachhaltig“ in Medien zunehmend verwendet werden. Weiterhin dominiert jedoch seine alltagssprachliche Verwendung (z.B. „nachhaltige Note des Weinbrandes“). Allerdings nehmen sowohl ein vernetztes Verständnis von Nachhaltigkeit wie auch ein Verständnis, das auf einer der drei Dimensionen abzielt (Ökologie, Soziales, Ökonomie), in journalistischen Texten immer mehr zu. Dies lässt darauf schließen, dass der Begriff „nachhaltig“ eine zunehmende Schärfung in der gesellschaftlichen Debatte erfährt. Eine quantitative Untersuchung von Begriffsverwendungen über den Zeitraum der letzten 20 Jahre zeigt zudem, dass der Begriff „nachhaltig“ (umschlißet alle Wörter mit dem Wortstamm “nachhaltig”) nicht in Konkurrenz zu verwandten Begriffen wie Umweltschutz, Klimawandel oder Energiewende steht und nicht durch diese verdrängt wird oder diese selbst verdrängt. Insgesamt bleibt der Nachhaltigkeitsbegriff ein Nischenwort, das sich lediglich in ein bis zwei Prozent aller untersuchten Medienbeiträge finden lässt.

„Nachhaltig“ als Nischenwort der Medien – warum?

Von internationalen Verhandlungen, Studien zur Zukunft des Planeten oder lokalen Initiativen zu alternativen Konsum- oder Lebensformen gäbe es immens viel Spannendes zu berichten. Allerdings sind es auf politischer Bühne oft langwierige Prozesse, Studien können schwer verdaulich sein und bei den Aktivitäten der Zivilgesellschaft das Neuartige heraus zu sieben kann auch mühselig sein. Eine Grundkenntnis der relevanten Begriffe, Konzepte und aktuellen Diskussionen nachhaltiger Entwicklung muss erworben und immer wieder erhalten werden – im heutigen Mediensystem ist dafür oft wenig Raum. Die klassische Funktion der „Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“ (Rühl 1980: 323) ist zwar noch gültig und sollte unbedingt gestärkt werden. Neben dieser Funktion der gesellschaftlichen Aufklärung folgt Journalismus eingebettet in das Mediensystem auch ökonomischen Prinzipien, Grenzen von öffentlicher Kommunikation und Journalismus verschwimmen (vgl. Lünenborg 2012: 446). Der gesellschaftliche Trend der Individualisierung und Partikularisierung von Interessen bestärkt diese Entwicklung. Und obendrein verändert aktuell auch die beschleunigte globale Krisendynamik die journalistische Arbeit und die Art der öffentlichen Kommunikation. Eine Studie belegt, dass es zudem viele Journalisten gibt, die zwar über Nachhaltigkeitsthemen schreiben, diesen Begriff aber bewusst nicht benutzen. Dahinter steht vor allem die Strategie, Leser/innen nicht mit dem oft nur als Floskel genutzten Wort „Nachhaltigkeit“ zu vergraulen. Dieser Ansatz wird konservativer nachhaltigkeitsorientierter Journalismus genannt. Anders die reformorientierten Nachhaltigkeitsjournalisten: Sie gehen einen Schritt weiter und beziehen sich explizit auf das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, transformative Nachhaltigkeitsjournalisten zeigen darüber hinaus sogar mögliche Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme auf und beziehen stärker eigene Positionen.

Offener Diskurs und Ausblick

Diese Umwälzungen strahlen auf die Forschungsfragen von Nachhaltigkeit und Journalismus ab, die mit der Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus einen Impuls erhalten haben, aber noch nicht abgeschlossen sind: Welchen Platz hatte und hat Nachhaltigkeit in der Berichterstattung? Auf welche unterschiedlichen Weisen wird über das Leitbild nachhaltiger Entwicklung kommuniziert? Und: Wird damit ein Beitrag zu gesellschaftlicher Veränderung geleistet?

Dies ist ein Gastbeitrag von Robin Marwege, wissenschaftlicher Mitarbeiter des UNESCO Chair Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung an der Leuphana Universität Lüneburg. Die komplette Studie der Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus gibt es hier zum Nachlesen. (Stand: August 2015)


Literatur

Donsbach, W. (2009). Journalismus als Wissensprofession. Technische und wirtschaftliche Einflüsse erfordern eine neue Definition journalistischer Kompetenz. In C. Holtz-Bacha, L. B. Becker, & G. Reus (Eds.), Wissenschaft mit Wirkung. Beiträge zu Journalismus- und Medienwirkungsforschung (pp. 191–204). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Lünenborg, M. (2012): Die Krise des Journalismus? Die Zukunft der Journalistik! Ein Diskussionsbeitrag zur Reflexivität und Praxisrelevanz von Wissenschaft. In: Publizistik. 57. Jg., Heft 4/2012, S. 445-461.

Michelsen, G., & Rieckmann, M. (2012). Zum Stand der Nachhaltigkeitskommunikation. Potentiale für Nachhaltigkeitsjournalismus [The state of sustainability communication. Potentials for sustainability journalism]. In Friedrich-Ebert-Stiftung (Ed.), Umwelt Europa. Grüne Gesellschaft und europäische Krise - neue Fragen den Journalismus (pp. 20–28). Bonn.

Neverla, Irene/ Schäfer, Mike S. (Hrsg., 2012): Das Medien-Klima : Fragen und Befunde der kommuni-kationswissenschaftlichen Klimaforschung. Wiesbaden.

Ronzheimer, Manfred (2013): Vom Nullthema in den Mainstream: Zur Rolle der Medien in der Trans-formation. In: Politische Ökologie, 31. Jg., Heft 133, S. 118-123.

Rühl, Manfred (1980): Journalismus und Gesellschaft: Bestandsaufnahme und Theorieentwurf. Mainz.

Wiek, A., Withycombe, L., & Redman, C. L. (2011). Key competencies in sustainability: a reference framework for academic program development. Sustainability Science, 6(2), 203–218.

Robin Marwege

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