Wissenschaftlerin im Portrait: Prof. Dr. Vicky Temperton

Die Ökologin Prof. Dr. Vicky Temperton schaut sehr positiv auf ihre wissenschaftliche Laufbahn, ohne Herausforderungen zu missachten. Vielleicht ist es das, was sie so menschlich, nahbar und gleichzeitig professionell wirken lässt.

Grünes Wissen (GW): Frau Temperton, Sie sind als Professorin für „Ecosystem Functioning und Ecosystem Services“ am Institut für Ökologie (IFÖ) der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Was ist darunter zu verstehen?

Prof. Dr. Vicky Temperton (VT): Meine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Biodiversitäts- und Ökosystemforschung. Mein Hauptinteresse gilt der Frage, wie Pflanzenarten miteinander interagieren und welche Auswirkungen diese Interaktion auf die Entwicklung und das Funktionieren von Ökosystemen hat. Dabei konzentriere ich mich insbesondere auf Graslandhabitate. Ein bisschen kann man die Interaktion verschiedener Pflanzenarten mit dem Zusammenspiel von Spielern in einer Fußballmannschaft vergleichen. Jeder Spieler hat unterschiedliche Qualitäten, die er in das Team einbringt. Erst durch das Zusammenwirken der Spieler kann sich eine erfolgreiche Mannschaft bilden. Auch Pflanzenarten haben jeweils unterschiedliche Eigenschaften, die sich gegenseitig beeinflussen und damit auch Auswirkungen auf das Ökosystem insgesamt haben.

GW: Neben der Forschung Sie sind auch in der Lehre tätig. Was mögen Sie an der Lehrtätigkeit und was weniger? Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig?

VT: Ich mag die Tatsache, dass ich durch meine Lehre dazu komme, meine Herangehensweise in der Forschung zu analysieren und gegebenenfalls zu hinterfragen. Zudem werden viele Ideen dadurch miteinander gekoppelt und es findet eine spannende Integration im Kopf statt. Der direkte Austausch mit den Studenten/innen ist auch oft sehr spannend und am Ende lernen beide Seiten von einander. Was ich weniger mag, sind die ganzen logistischen Tätigkeiten (z.B. daran denken alle Materialien verfügbar zu machen, Rahmenprüfungsordnungen zu beachten etc)die mit der Lehre einhergehen.

GW: Als Professorin sind Sie mit etlichen unterschiedlichen Aufgaben konfrontiert: Leitung von Forschungsgruppen, Forschungsmittel einwerben, Lehre anbieten, etc. Wie vereinen Sie diese unterschiedlichen Aufgaben?

VT: Das ist ein gute Frage. Mir ist letztens aufgefallen, dass ich als Professorin mit den etlichen unterschiedlichen Aufgaben sozusagen ein „eigenes kleines Unternehmen“ leite. Das ist höchst abwechslungsreich und spannend und auch eine große Herausforderung. Ich bin ein Mensch, der Abwechslung und Vielfalt gerne mag, sodass die Vielfalt der Tätigkeiten der Professur gut zu mir passt. Damit es gelingt, brauche ich aber genug fokussierte kreative Zeit für die wichtigen Aufgaben. Also plane ich meine Zeit in Blöcken, wo ich versuche, mich nur auf eine Tätigkeit zu fokussieren. So gut es geht natürlich!

GW: Dann kennen Sie die Frage nach der Priorisierung gut. Wie gehen Sie mit dieser um?

VT: Ich habe mir einige „key rules“ des Zeitmanagements angeignet, z.B. dass man zusieht, dass die wichtigen Langzeitziele – wie Publikationen schreiben, Forschungsgelder einwerben, DoktorandInnen erfolgreich zur Promotion bringen, Experimente planen und ausführen sowie die Lehre – immer aktiv dabei sind – also 50% der Zeit in einer Woche ausmachen. Ich überlege also jede Woche, welche der Langzeitziele in der Woche vor allem bearbeitet werden und dies hängt manchmal von Deadlines ab, manchmal weniger.

GW: Sie sind, wie es das Lehrbuch der wissenschaftlichen Laufbahn vorsieht, viel gereist. Gebürtig sind Sie Engländerin, haben in England und Schottland studiert und promoviert, dann als Postdoc an der Universität Jena gearbeitet, danach waren sie knapp 10 Jahre in dem Forschungszentrum Jülich, parallel haben Sie sich in Bayreuth habilitiert und heute sind Sie in Lüneburg Professorin. Waren und sind Sie gerne so mobil? Wie bewerten Sie diese Flexibilität jenseits der wissenschaftlichen Karriere?

VT: Ja, ich bin eine klassische akademische Nomadin. Dadurch, dass ich als Engländerin in Luxemburg aufgewachsen bin, habe ich den Blick über den Tellerrand sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen. Ich liebe die Vielfalt an Kulturen und Perspektiven und bin schon kulturell interdisziplinär, wenn nicht transdisziplinär. Im Nachhinein, finde ich meine akademische „Deutschlanddtour“ extrem spannend (vor allem das Leben in Ost- und Westdeutschland zu kennen)und ich bereue die Mobilität nicht. Das hat natürlich seinen Preis. Zum Beispiel verpasse ich die ersten Schritte des Babys einer guten Freundin, die in Berlin lebt. Aber ich bin gut im Kontakt halten und würde sagen, dass die Vorteile überwiegen, so lange man lang genug an einem Ort bleiben kann, um etwas aufzubauen – sowohl beruflich als auch privat. Da haben die zehn Jahre in Jülich/Aachen gut dazu beigetragen. Außerdem hat mein Deutschlehrer in Luxemburg immer gesagt, dass es sehr schade wäre, wenn ich keine Gelegenheit hätte, mein Deutsch weiterhin aktiv zu nutzen. Das mache ich jetzt sehr gerne hier in Lüneburg.

Das Interview führte Hanna Selm ( „Grünes Wissen“), mit Prof. Dr. Vicky Temperton. Mehr Informationen sind auf der Website des Instituts für Ökologie der Leuphana Universität Lüneburg zu finden.


Prof. Dr. Vicky Temperton

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