Studie „Welchen Journalismus braucht die Nachhaltigkeit?“

Die Initiative „Nachhaltigkeit und Journalismus“ erkundet mit einer Studie das bislang weitgehend unbeachtete Feld des Nachhaltigkeitsjournalismus und gibt eine Einschätzung für die Entwicklung der journalistischen Nachhaltigkeitskommunikation ab.

Die Studie

Das Institut für Umweltkommunikation an der Leuphana Universität Lüneburg befragte 29 Journalisten/innen und Wissenschaftler/innen mit Nachhaltigkeitsexpertise im Zeitraum November 2012 bis August 2013 dazu, wie Thematiken der nachhaltigen Entwicklung erfolgreich in die Medien gebracht werden können und stellte die Ergebnisse in einem Fachgespräch erneut zur Diskussion.

Solcherart „Delphi-Studien“ geben eine Struktur, um qualitative Einschätzungen zu Trends und Entwicklungstendenzen auszumachen. Der Name ist an das antike Orakel von Delphi angelehnt, obgleich in heutigen Delphi-Studien Aussagen über zukünftig zu erwartende Entwicklungen nach wissenschaftlichen Methoden getroffen werden: In mehreren Befragungsformaten werden die Einschätzungen zusammengeführt, überprüft und verfeinert (Häder 2002). Dieses Vorgehen wurde gewählt, weil zu der übergreifenden Forschungsfrage, wie Journalismus die Nachhaltigkeitsdiskussion befördern kann, bisher nur stückhafte Forschung, aber keine einschlägige zusammenfassende Literatur vorhanden ist. Zudem finden im Journalismus aufgrund der Umwälzungen im Mediensystem (vor allem die Digitalisierung und Marktverschiebungen) derzeit dynamische, teils tiefgreifende Veränderungen statt, die immer wieder das Gespräch mit Experten/innen aus dem Feld nötig machen. 

Die Ergebnisse

Zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Journalisten/innen auf vielfältige Weise an Nachhaltigkeitsthemen herangehen. Es konnten dabei drei Perspektiven im nachhaltigkeitsorientierten Journalismus herausgearbeitet werden, die auf unterschiedliche Weise an Themen der Nachhaltigkeit herangehen und jeweils verschiedene Zielgruppen erreichen können: Eine konservative, eine reform-orientierte und eine transformative journalistische Perspektive auf Nachhaltigkeit.

Die konservative Perspektive bezieht sich auf den Friedrichschen Objektivitätsgrundsatz: „Ein Journalist macht sich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten“ (vgl. SPIEGEL 1995). Somit wird hier Nachhaltigkeit als ein Thema betrachtet, über welches, wie auch über jedes andere Thema, informiert werden muss. Meist erreichen die Beiträge mit dieser Perspektive über die etablierten Massenmedien sehr viele Menschen.

Reformorientierte Journalisten/innen hingegen sehen eine Notwendigkeit, dass Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen in der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen werden sollten. Gleichzeitig wird versucht, möglichst sachlich und objektiv zu bleiben. Da auch dieserart Beiträge oft in den Massenmedien zu finden sind und viele Personen erreichen, aber stärker das Veränderungspotential für nachhaltige Entwicklung angesprochen wird, spricht die Studie dieser Gruppe von Beiträgen den größten Effekt zu.

Die Gruppe der transformativen Nachhaltigkeitsjournalisten sieht sich aktiv in der Rolle als Träger von Veränderung und einem ausgeprägtem Bewusstsein für Handlungsbedarf. Diese Perspektive ist derzeit eine journalistische Nische, in der es jedoch einigen journalistischen Pionieren gelingt, auf tiefgründige und gleichsam ansprechende Weise, die „langsamen Themen“ nachhaltiger Entwicklung zu platzieren.

Die in der Studie befragten Journalisten/innen und Wissenschaftler/innen haben diese Ergebnisse der Leuphana Projektgruppe zu einem frühen Zeitpunkt in einem Workshop gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt – diese Fachdebatte wurde anschließend sogar in den Medien fortgeführt: Axel Bojanowski hat sich in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und auf Spiegel Online für eine Abkehr vom verwässerten Begriff der Nachhaltigkeit stark gemacht, während Torsten Schäfer als Replik auf dem Portal „Grüner Journalismus“ begründete, warum das Thema auch für Journalisten/innen ein notwendiges sei.

Schlussfolgerungen der Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus

Eine zentrale Schlussfolgerung der Delphi-Studie ist ein dringender Qualifizierungsbedarf unter Medienschaffenden. Statt eines eindeutig definierten Nachhaltigkeitsverständnisses dominieren teils Abstumpfung, Überforderung und Wissensdefizite im journalistischen Diskurs um Nachhaltigkeit – obwohl gelichzeitig angesichts qualitativ und quantitativ steigender Berichterstattung über Themen nachhaltiger Entwicklung der Bedarf kompetenter Journalisten/innen auch in Zukunft bestehen bleibt. Daher wurden nicht nur Ausbildungsmaterialien für die journalistische Weiterbildung „Nachhaltigkeit und Journalismus“ erarbeitet, sondern als Konsequenz aus den Fachgesprächen der Studie die Gründung eines Netzwerkes zur Förderung von nachhaltigkeitsorientiertem Journalismus eingeleitet. Dieses unabhängige Netzwerk trägt heute unter dem Namen „Netzwerk Weitblick – Verband für Journalismus & Nachhaltigkeit e.V.“ die Relevanz von Nachhaltigkeit in Medien und Gesellschaft.

Dies ist ein Gastbeitrag von dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Robin Marwege des UNESCO Chair Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung an der Leuphana Universität Lüneburg. Die komplette Studie ist hier zu finden.


Literatur

Donsbach, W. (2009). Journalismus als Wissensprofession. Technische und wirtschaftliche Einflüsse erfordern eine neue Definition journalistischer Kompetenz. In C. Holtz-Bacha, L. B. Becker, & G. Reus (Eds.), Wissenschaft mit Wirkung. Beiträge zu Journalismus- und Medienwirkungsforschung (pp. 191–204). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Häder, M. (2002): Delphi-Befragungen. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Rühl, Manfred (1980): Journalismus und Gesellschaft: Bestandsaufnahme und Theorieentwurf. Mainz.

DER SPIEGEL (1995): „Cool bleiben, nicht kalt“. Der Fernsehmoderator Hanns Joachim Friedrichs über sein Journalistenleben. In: Der Spiegel Nr. 13/1995.

Robin Marwege