Report: Über die Zusammenarbeit der Wissenschaft mit einer Umweltschutzorganisation

Greenpeace Deutschland und der UNESCO-Chair Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung der Leuphana Universität Lüneburg forschen zum Bewusstsein über nachhaltige Entwicklung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ein Report von Heiko Grunenberg und Dr. Clemens Mader.

Das Projekt

Das Forschungsprojekt, das sogenannte Greenpeace Nachhaltigkeitsbarometer, wird derzeit in zweiter Auflage durchgeführt. Untersucht werden deutschlandweit repräsentativ 15-24jährige hinsichtlich ihrer Orientierungen, Handlungen, Ziele und Wünsche bezogen auf eine nachhaltige Entwicklung. Die zwei wissenschaftlichen Mitarbeiter des Projekts Grunenberg und Mader beschreiben anhand dieses Beispiels, was Forschung mit der Praxis (Transdisziplinarität) aus Ihrer Erfahrung bedeutet.

Die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit

Die alles entscheidende Grundlage ist, dass sich beide Partner etwas von dem gemeinsamen Vorhaben versprechen. Für romantisches Miteinander ist kein Raum – jede Aktivität untersteht einer Effizienzorientierung. Eine Umweltschutzorganisation muss sich fragen, ob die aufgewendeten Mittel so eingesetzt werden, dass alternative mögliche Verwendungen dies gerechtfertigt erscheinen lassen: Was wird investiert? Was ist der Gewinn? Eine Forschungseinrichtung als Ganze definiert sich wiederum über den Erkenntnis-Output, Wissenschaftler als Einzelne haben biografische Ziele. Wenn all das passend zusammentrifft, dann ist eine gute Basis geschaffen. Ebenso wie im Falle eines Hauses, lässt sich in einer Basis jedoch nicht wohnen. Es ist darüber hinaus ein guter Aufbau nötig. In erster Linie ist die persönliche Ebene relevant: Sind die beteiligten Personen bereit, sich auf für sie Unbekanntes einzulassen? Sind sie bereit, ihre Gewohnheiten und Gewissheiten zu hinterfragen? Sind sie in der Lage, Kompromisse einzugehen, die von ihren Kern-Intentionen wegführen? Nicht zuletzt für die Zusammenarbeit entscheidend, sind aber auch persönliche Sympathien und Vertrauen, die helfen, Ungewohntes zu verstehen oder Schwierigkeiten einzuschätzen. Insbesondere diese letzten aufgezählten persönlichen Punkte werden in der Betrachtung transdisziplinärer Projekte manchmal nicht in den Vordergrund gerückt, zumal sie schwer planbar sind. Für die alltägliche Arbeit eigentlich notwendige Charakterzüge stehen mitunter im Wege, Sympathien und Gemeinsamkeiten sind nicht planbar. Die Folge: nicht Planbares lohnt sich in den Augen vieler oftmals nicht zu reflektieren, also ist es Zufall, also ist es unbeherrschbar, also ist es egal. Wir sagen: „Nein!“. In transdisziplinären Projekten sollten gezielt Leute eingesetzt und ausgewählt werden, die andere Eigenschaften mitbringen, als für den eigentlichen Institutionenzweck.

Der Prozess der Zusammenarbeit

Im konkreten Falle einer Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftseinrichtung und einer Umweltschutzeinrichtung besteht das gemeinsame Interesse in der Generierung von Wissen. Wissenschaftliche Detailorientierung und praxisorientiertes Verwendungswissen sind die beiden Pole zwischen denen die gemeinsame Arbeit verläuft. Dies verläuft nicht dissensfrei. Wichtig ist erstens, dass Differenzen und Missverständnisse offen ausgesprochen werden. Ohne einander zu beleidigen ist konstruktive Kritik essentiell, um Art und Gehalt der transdisziplinären Zusammenarbeit weiter zu entwickeln. Zweitens müssen sich Wissenschaft und Praxis auf Augenhöhe begegnen. Nur wenn die wissenschaftliche Seite akzeptiert und erkennt, welche Form der Wissensressourcen in der Praxis stecken und die Praxisseite erkennt, wie wertvoll theoretische Erkenntnisse sind, entsteht eine „Win-Win“ Situation für Wissenschaft und Praxis. Drittens muss ein unabhängiges wissenschaftliches Handeln garantiert sein – Wünsche und Interessen sollen geäußert werden, Beratung und Themensetzung sind notwendig. Aber sowohl regulativer Eingriff in die Wissenschaftlichkeit als auch ihre grundsätzliche Abschottung führen in die Spaltung.

Das Resultat

Forschungsprozess hin, Forschungsprozess her – maßgeblich ist schließlich jedoch das Resultat: Was kommt schlussendlich bei dem Vorhaben heraus und wie lässt es sich einsetzen? Die Schnittmenge der Projektpartner muss groß genug sein, sodass beide ihren Ressourceneinsatz rechtfertigen können. Der Weg ist nicht das Ziel, dennoch: ohne dass der Weg auch zum Ziel wird, gibt es keinen Weg zum Ziel. Um Weg und Ziel im Vorfeld abschätzen zu können, bedarf es nahezu prophetischer Gaben. Der Versuch sollte jedoch unternommen werden, die Möglichkeiten der Schnittmenge ohne die Verwässerung durch Eigeninteressen einzuschätzen. Oft dürfte eine kleine „Notlüge“ durch einen Projektpartner an dieser Stelle bereits alles kaputt machen, bevor es beginnen kann: Projektgelder einsacken oder eine Universität zu funktionalisieren verlockt schließlich. Ist jedoch das Ziel der ehrbare Handschlag am Projektende und das stolze finale Zuprosten wegen des Erreichten, das ursprünglich angestrebt war, dann ist ein ehrlicher Rückzieher in der Planungsphase das Beste. Nun gut – wir haben es anders erlebt: gegenseitige ehrliche Kritik, mühsames Lernen, gebetsmühlenartige Wünsche aller Beteiligten haben ein Schnittmengenprodukt entstehen lassen. So schön es zuvor klingt: Transdisziplinarität ist keine Romantik, sondern harte Arbeit an der Sache und an den Menschen. Wer dazu nicht bereit ist, bleibe bei seinen originären Leisten! Wer jedoch bereit ist, erlebt eine Menge!

Dies ist ein Gastbeitrag von Heiko Grunenberg und Dr. Clemens Mader. Beide sind wissenschaftliche Mitarbeiter am UNESCO Chair Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung der Leuphana Universität Lüneburg. Weitere Informationen zum Greenpeace Nachhaltigkeitsbarometer sind hier zu finden. Die erste Studie (erschienen im Januar 2013) kann hier bestellt werden.


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