Nachhaltige Entwicklung

Auf die Frage, was „nachhaltige Entwicklung“ bedeutet, wird meist Bezug genommen auf die Definition, die im so genannten „Brundtland-Bericht“ im Jahre 1987 festgehalten wurde. Doch was kam danach? Gibt es noch andere Verständnisse?

Die Definition: „Brundtland-Report“

Über die letzten Jahrzehnte ist eine enorme Anzahl und Vielfalt an Verständnissen von nachhaltiger Entwicklung entstanden. Expertinnen und Experten aus verschiedenen akademischen Disziplinen sowie (inter)nationaler Politik formulieren ihre Interpretationen von „nachhaltiger Entwicklung“ (Crabbé 1997). Dennoch wird die Geburtsstunde für den Begriff für das Jahr 1987 datiert, als die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen („Brundtland-Kommission“) unter dem Vorsitz der norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland ihren Bericht „Our Common Future“ („Unsere gemeinsame Zukunft“), auch als Brundtland-Bericht (WCED 1987) bekannt, veröffentlichte. Aus diesem Bericht stammt die “klassische” Definition:

Nachhaltig ist jene Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ (Hauff 1987: 46; Originaldefinition in WCED 1987: 43)

Agenda 21

Mit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED, Earth Summit bzw. Rio Conference) im Jahre 1992 unterzeichneten 172 Staaten das Abschlussdokument „Agenda 21“. Als Antwort auf die Herausforderungen des Globalen Wandels vereint das Dokument entwicklungs- und umweltpolitische Zielsetzungen. So wurden aus den beiden bis dahin unabhängig geführten Debatten die jeweiligen Kernaspekte zusammengebracht (De Haan 2008). In der entwicklungspolitischen Debatte wurde der Schwerpunkt auf die soziale, politische und verteilende Gerechtigkeit gelegt und dabei auf zu lösende Probleme, insbesondere in Ländern des globalen Südens hingewiesen (wie beispielsweise Armut, Bildungschancen sowie die Benachteiligung dieser Länder in wirtschaftlichen Handelsbeziehungen). In der Umweltdebatte wurde hingegen über die Ausbeutung natürlicher Ressourcen sowie ihre Verteilung und Nutzung in der Weltbevölkerung, die Auswirkung der Übernutzung der Natur und Eintragung von Umweltgiften in die Natur sowie langfristige Folgen diskutiert. Die Verknüpfung dieser Aspekte in einem Konzept baut auf dem Gedanken einer nachhaltigen Entwicklung auf, wie er bereits im „Brundtland Report“ formuliert wurde. In beiden Dokumenten geht es darum, sowohl den heute lebenden als auch den in der Zukunft lebenden Menschen, die gleichberechtigte Nutzung der Ressourcen und Gestaltung der Umwelt sowie menschengerechte Lebensverhältnisse zu sichern.

Kritik am Brundtland-Verständnis

Kritikerinnen und Kritiker des Brundtland-Konzepts einer nachhaltigen Entwicklung begründen ihre Einwände damit, dass es eine anthropozentrische (menschenzentrierte) Sichtweise aufweise. In jenem Verständnis würden der Mensch und sein Überleben über Generationen in den Mittelpunkt gestellt (Haque 2006). Dabei sei der Fokus vor allem auf der ökonomischen und ökologischen Dimension von nachhaltiger Entwicklung, während manche sozialen, kulturellen, politischen und ethischen Aspekte aus dem Blick geraten (Haque 1999). Dies begünstige eine weitere Entfremdung des Menschen von der Natur und fördere damit eine Denk- und Handlungsweise, die die Herrschaft des Menschen über die Natur durch Naturwissenschaften, Technologie und Industrie vorantreibe, während indigene Werte und indigenes Wissen weniger Eingang in die Überlegungen einer nachhaltigen Entwicklung finden (Sneddon et al. 2006; Norgaard 1988).

Daraus folgt, dass manche Kritikerinnen und Kritiker darauf hinweisen, dass eine solche anthropozentrische Sichtweise auf nachhaltige Entwicklung die Rechte zukünftiger Generationen (intergenerationell) in den Vordergrund stelle und die der heute lebenden Menschen (intragenerationell) in den Hintergrund geraten. Die internationale soziale Ungleichheit stelle einen der größten Ursachen für eine ökologisch unnachhaltige Entwicklung dar (Hague 2006).

Earth-Charter: Konsens über Grundprinzipien einer nachhaltigen Entwicklung

Aus dieser Diskussion wird deutlich, dass es nicht das eine Verständnis von einer nachhaltigen Entwicklung gibt. Dennoch gibt es Ambitionen, wenigstens einige Kernwerte einer nachhaltigen Entwicklung zusammenzutragen, die so präzise und zugleich so breit gefasst sind, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen diese in ihrem jeweiligen Kontext anwenden können. Das Ziel der „Earth Charter“ („Erd-Charta“), der bis dahin größte inklusive und partizipatorische Prozesses war es, einen Konsens über einige Grundwerte und Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen. Diese Grundwerte sollen vor allem eine ethische Grundlage für zukünftige Generationen bieten, welche unterstützend in der Entfaltung einer gerechten, nachhaltigen und friedvollen globalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wirkt („Earth Charter 2015“). Aus diesem globalen Prozess sind 16 Grundprinzipien hervorgegangen, welche in vier Kapiteln der „Earth Charter“ zusammengefasst sind. Weitere Informationen zur Earth-Charter sind hier zu finden.


Literatur

Crabbé, P.J. (1997). Sustainable Development: Concepts, Measures, Market and Policy Failures at the Open Economy, Industry and Firm Levels. Occational Paper No. 16. Ottawa: Industry Canada.

Erd-Charta (2015): Die Erd-Charta. Online: http://www.earthcharterinaction.org/content/pages/Downloads%20of%20the%20Earth%20Charter%20Text (08.06.2015)

Haque, M. S. (1999). The fate of sustainable development under the neoliberal regimes in developing countries. International Political Science Review. 20(2): 199-222.

Haque, M. S. (2006). Critical Impacts of Inequality on Sustainable Development. In Sustainable development policy and administration. Ed.G. M. Mudacumura, D. Mebratu, M. S. Haque, 635-652. Boca Raton. CRC Press.

Hauff, Volker (1987): Unsere gemeinsame Zukunft. Greven: Eggenkamp Verlag.

Norgaard, Richard B. 1988. Sustainable Development: A Co-Evolutionary View. Futures (Dec.): 606-620.

Sneddon, C.: Howarth, R.B.; Norgaard, R.B. (2006): Sustainable development in a post-Brundtland world. Ecological Economics 57 (2006) 253–268.

World Commission on the Environment and Development (WCED). (1987). Our Common Future. United Nations. Oxford University Press. New York.

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