Migration im Klimawandel

Klimawandel und Umweltveränderungen können Ursachen für Flucht und beeinflussende Faktoren für Migration sein. Angesichts der Komplexität dieser Zusammenhänge warnt Prof. Dr. Jürgen Scheffran jedoch vor Vereinfachung in der Debatte um Klimaflucht.

Die Flüchtlingsfrage wird häufig vor allem auf der Ebene der Folgen für die Aufnahmeländer diskutiert, während die Ursachen in den Herkunftsländern meist vernachlässigt werden. Oftmals sind die Motive für Migration und Flucht auf menschenunwürdige oder lebensgefährliche Bedingungen zurückzuführen, für die auch die Industrieländer eine Mitverantwortung tragen. Es existieren vielfältige, sich oftmals verstärkende Verknüpfungen zwischen Unterentwicklung und Verarmung, Unterdrückung und Verfolgung, Kriegen und Konflikten, Ressourcenmangel und Umweltzerstörung, die Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen. In diesem komplexen Ursachengeflecht (Nexus) der Migration wirken Umweltveränderungen mit anderen Motiven zusammen, was gegen monokausale Erklärungen spricht. Dies gilt auch für den Klimawandel, der durch Naturkatastrophen wie Stürme, Überflutungen oder Dürren Menschen entwurzeln oder die ökologischen und sozialen Lebensgrundlagen dauerhaft untergraben kann, was Auswirkungen auf die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hat (McLeman 2013).

Debatten um Klimaflucht

Schon 1990 warnte der erste Bericht des Weltklimarats, dass Veränderungen bei Niederschlägen und Temperaturen zu großen Migrationsbewegungen führen könnten. Seitdem wird der Klimawandel mit mehreren hundert Millionen „Klimaflüchtlingen“ und neuen Konfliktpotentialen verbunden. Ein Positionspapier der EU-Kommission von 2008 befürchtete einen wesentlich erhöhten Migrationsdruck für Europa als Folge des Klimawandels. Und der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung ‚Globale Umweltveränderungen‘ sah in der Umweltmigration eine mögliche Konfliktkonstellation des Klimawandels (WBGU 2007).

Bislang gibt es hier allerdings weder klare Definitionen noch rechtliche Regelungen (Müller et al. 2012). Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) können “plötzliche oder fortschreitende Umweltveränderungen“ Menschen dazu veranlassen, “ihre Heimat vorübergehend oder permanent zu verlassen“ (IOM 2008). Biermann und Boas (2008) bezeichnen als Klimaflüchtlinge jene Menschen, die ihren Lebensraum in Folge von Meeresspiegelanstieg, Dürren und Wassermangel aufgeben. Demgegenüber spricht sich das UN-Flüchtlingskommissariat gegen die Begriffe „Klimaflüchtling“ und „Umweltflüchtling“ aus, da sie ungenau seien und der Flüchtlingsbegriff auf politische Verfolgung beschränkt ist.

Große Unterschiede bestehen auch bei den Zahlen. Im Jahr 2012 gab es nach Angaben des Internal Displacement Monitoring Center 32.4 Millionen Menschen, die durch Naturkatastrophen vertrieben wurden, doppelt soviele wie 2011. Danach sanken die Zahlen 2014 auf 19,3 Millionen (IDMC 2015). Demgegenüber zeigte die Zahl der intern vertriebenen Menschen (anerkannten Flüchtlinge) den gegenläufigen Trend: 22,8 (15,4) Millionen 2012, und 38 (19,5) Millionen 2014. In der Fachliteratur reichen die Schätzungen über zukünftige Klimamigranten von 50 Millionen bis zu einer Milliarde Menschen (Jakobeit/Methmann 2012, Black et al. 2011). Obwohl potentiell viele Menschen vom Klimawandel betroffen sind, ergreifen die meisten nicht die Flucht, sondern versuchen die Probleme vor Ort zu lösen.

Brennpunkte der Migration

Auch wenn der klimabedingte Stress den Abwanderungsdruck in fragilen Brennpunkten erhöht, ist der Klimaeinfluss nur schwer zu bestimmen. Umweltveränderungen können Migration nicht nur befördern, sondern auch erschweren, indem sie die Armut vergrößern und die Möglichkeiten zur Abwanderung einschränken. Zudem bietet die Umsiedelung nicht immer Schutz, wenn Menschen in gefährdete Regionen abwandern, etwa in Küstenstädte, die selbst von Stürmen oder Meeresspiegelanstieg betroffen sind. Meist bleiben Menschen in der Nähe ihrer Heimatregion.

Ein Großteil der Zuwanderer nach Europa stammt aus Nahost und dem nördlichen Afrika. Durch Klimawandel und Bevölkerungswachstum, Übernutzung und Landverbrauch, auch durch Industriestaaten, ist in großen Teilen Afrikas mit weniger Trinkwasser und Fischfang, Acker- und Weideland zu rechnen. Der Migrationsdruck wurde verstärkt durch die Umbrüche und Konflikte in der Arabischen Welt 2011, die durch globale Ernährungskrisen und Umweltänderungen mit ausgelöst wurden (Werrell/Femia 2013). So litt Syrien im Jahrzehnt davor unter verheerenden Dürren, die viele Menschen entwurzelten, was die Unzufriedenheit mit dem Assad-Regime verstärkte. In dem blutigen Bürgerkrieg wurde das Land zum Spielball regionaler und globaler Mächte, was die Flüchtlinge bis nach Europa trieb. Welchen Anteil Klimawandel dabei hatte, ist Gegenstand einer Debatte (Frey 2016).

Dass auch Industrieländer nicht von Umweltmigration verschont werden, zeigte sich, als Hurrikan Katrina 2005 hunderttausende zur Flucht aus New Orleans zwang, von denen einige nicht wieder zurückkehrten. Auch in Deutschland könnten von Überflutung gefährdete Risikozonen an Küsten oder Flussläufen unbewohnbar werden, wobei eine solidarische Problembewältigung und Anpassung die Folgen abmildern kann.

Präventive Problembewältigung

Statt das Handlungsspektrum durch Symptombekämpfung einzuengen und das Wettrüsten über die Zuwanderung zu eskalieren, ist es vernünftiger, Probleme vorbeugend durch internationale Kooperation zwischen Herkunfts- und Zielländern anzugehen (Scheffran/Vollmer 2012). Dazu gehören die Vermeidung des Klimawandels durch Energiewende und Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, sowie die Unterstützung der vom Klimawandel betroffenen Regionen bei der Anpassung an den Klimawandel (Gioli et al. 2015). Dabei stellt Migration selbst eine Anpassungsmaßnahme dar, die die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) der betroffenen Gemeinden stärkt (Black et al. 2011). Migrationsnetzwerke können zur Schaffung stabiler Strukturen zwischen Herkunfts- und Zielländern beitragen, etwa durch Transfer von Zahlungen, Wissen und Technologie (Scheffran/Marmer/Sow 2012). Mögliche Ansätze zur Problemlösung bieten die 2011 in Oslo vorgestellten Nansen-Prinzipien und die 2013 bei einer Konferenz in Hamburg vorgestellte DeklarationActions for Climate-Induced Migration“. Wesentlich ist, dass Staaten zum Schutz ihrer Bevölkerung gegen Klimawandel verpflichtet sind, einschließlich der dadurch vertriebenen Menschen. Prävention, Resilienz und Partizipation der Betroffenen sollen auf allen Ebenen gestärkt werden.

Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Jürgen Scheffran, Professor für Integrative Geographie an der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit (CLISEC) der Exzellenzinitiative zur Klimaforschung am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit in Hamburg (Zuhause des Excellenzclusters Integrated Climate System Analysis and Prediction (CliSAP) der Universität Hamburg und Teil des KlimaCampus Hamburg).

Weitere Informationen

  • Im Video spricht Prof. Jürgen Scheffran spricht über den Zusammenhang von Klimawandel und Migration:

 

  • 0:26 Klimamigration. Wie viele müssen flüchten?
  • 2:22 Finanzierung. Was bringen Klimafonds?
  • 4:46 Bedingungen in den Herkunftsländern. Wie viel Geld wird benötigt um Klimamigration abzubremsen?
  • 6:36 Lösungsansätze. Welche Rolle spielen die Sozialwissenschaften?
  • 8:05 Lösungsansätze II. Warum nimmt die Politik gute Vorschläge nicht an?
  • 9:53 Klimawandel. Was geht mich das an?
  • 11:33 Klimaverhandlungen. Welche Staaten müssen sich zuerst bewegen?

Quelle: CliSAP Cop21 Dossier; Stand: Juni 2016.

Online-Quellen:

 


Literatur

Biermann F., Boas I. (2008): Protecting Climate Refugees: The Case for a Global Protocol, Environment 50 (6): 8-16.

Black R et al. (2011): Migration and Global Environmental Change. Foresight Final Project Report, London 2011.

Felgentreff C. (2015): Klimaflüchtlinge. In: Bauriedl, S. (ed.), Wörterbuch Klimadebatte, Bielefeld, Transcript, 141-148.

Frey, A. (2016): Auf der Flucht vor dem Klima? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2016; http://www.faz.net/aktuell/wissen/klima/gibt-es-schon-heute-klimafluechtlinge-14081159.html.

Gemenne F., Brücker P., Ionesco D. (2014): The State of Environmental Migration 2014, Institute for Sustainable Development and International Relations, International Organization for Migration, Paris. https://publications.iom.int/books/state-environmental-migration-2014.

Gioli G., Hugo G., Manez Costa M., Scheffran J. (2015): Human Mobility, Climate Adaptation, and Development. Introduction to Special Issue, Migration and Development, 1-6.

IDMC (2015) Global Estimates 2015 - People displaced by disasters. Internal Displacement Monitoring Centre, http://www.internal-displacement.org/publications/2015/global-estimates-2015-people-displaced-by-disasters

IOM (2008) World Migration Report 2008, International Organization of Migration. http://www.iom.int/jahia/Jahia/cache/offonce/pid/1674?entryId=20275.

Jakobeit C., Methmann C. (2012): Climate Refugees’ as Dawning Catastrophe? A Critique of the Dominant Quest for Numbers, in: Scheffran J., Brzoska M., Brauch HG., Link PM., Schilling J. (Eds.), Climate Change, Human Security and Violent Conflict, Berlin: Springer, 301-314.

McLeman R. (2013): Climate and Human Migration. Past experiences, future challenges. Cambridge: Cambridge University Press.

Müller B., Haase M., Kreienbrink A., Schmid S. (2012) Klimamigration: Definitionen, Ausmaß und politische Instrumente in der Diskussion. Working Paper 45 , Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Scheffran J., Marmer E., Sow P. (2012): Migration as a contribution to resilience and innovation in climate adaptation: Social networks and co-development in Northwest Africa, Applied Geography, 33: 119-127.

Scheffran J., Vollmer R. (2012): Migration und Klimawandel: globale Verantwortung der EU statt Angstdebatte. In: Schoch B., Hausdewell C., Kursawe J., Johannsen M. (Eds.), Friedensgutachten 2012, Münster, LIT Verlag, 209-221.

WBGU (2007): Klimawandel als Sicherheitsrisiko, Berlin: Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen.

Werrell CE., Femia F. (Eds.) (2013): The Arab Spring and Climate Change. A Climate and Security Correlations Series, Center for American Progress, Stimson Center, February.

Prof. Dr. Jürgen Scheffran

Zurück zum Thema:
Klimawandel
Zurück zur Kategorie:
Wissenschaftliche Perspektiven