Hat Social Entrepreneurship eigene wissenschaftliche Theorien?

Prof. Dr. Jantje Halberstadt erklärt im Interview, warum es sinnvoll ist, sich im Social Entrepreneurship-Bereich auf Theorien aus unterschiedlichen Disziplinen zu beziehen. Der Forschungsschwerpunkt setzt dabei den disziplinären Rahmen.

Jana Timm (JT): Jantje Halberstadt ist Junior-Professorin im Social Entrepreneurship an der Fakultät Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich im Bereich Management und Unternehmertum insbesondere mit Social Entrepreneurship, Female Entrepreneurship und Ecopreneurship. Würden Sie Social Entrepreneurship als eigene Wissenschaftsdisziplin oder als eine Forschungsrichtung bezeichnen?

Prof. Dr. Jantje Halberstadt (JH): Wenn ich ehrlich bin, halte ich von solchen Diskussionen nicht sehr viel. Das mag daran liegen, dass Social Entrepreneurship an sich ein interdisziplinäres Forschungsfeld ist, dem sich also viele wissenschaftliche Sichtweisen und Forschungsrichtungen treffen können. Dies hängt dann jeweils von dem Forschungsvorhaben und den Forschern/innen mit ihren Forschungszielen und -interessen ab. Aber wenn ich mir anschaue, wie in diesem Bereich über das Thema diskutiert wird, wird es von manchen Wissenschaftlern/innen durchaus als eine eigene Disziplin gesehen. Es spricht auch viel dafür, dass Entrepreneurship oder sogar Social Entrepreneurship je nachdem, wie man „Disziplin“ definiert, als eine eigene wissenschaftliche Disziplin gesehen werden kann. Beispielsweise könnte man meiner Meinung nach wunderbar eine eigene Fakultät für Social Entrepreneurship einrichten. Genügend Bereiche, die man subsumieren könnte, gibt es mit Sicherheit. Doch ich habe noch von keiner Social Entrepreneurship Fakultät in Deutschland gehört, auch nicht an Business Schools. Natürlich würde mir dies gut gefallen (lacht).

JT: Weist Social Entrepreneurship eigene wissenschaftliche Theorien auf?

Unabhängig davon, ob Social Entrepreneurship oder auch Entrepreneurship als eine eigene Wissenschaftsdisziplin oder „nur“ als ein Forschungsfeld oder eine Forschungsrichtung bezeichnet wird oder nicht; auch unabhängig davon, ob es eigene Theorien aufweist oder nicht und inwiefern diese vielleicht angelehnt sind an existierende Management-Theorien: Ich bin der Meinung, dass es für manche Forschungsvorhaben durchaus sinnvolle Theorien gibt, die helfen, den Blick auf das Forschungsfeld zu schärfen oder verschiedene Dinge für die Forschung besser zu strukturieren. Ob das dann eine wissenschaftliche Theorie ist oder nicht, finde ich nicht so relevant. Wichtiger finde ich, dass das, was der/die Forscher/in in seiner Untersuchung nutzt, sinnvoll für die Beantwortung seiner Forschungsfrage ist. Daher bin ich der Meinung, dass es für manche Forschungsvorhaben im Social Entrepreneurship-Bereich durchaus wertvoll sein kann, sich an eine Management-Theorie anzulehnen. Genauso kann es für ein anderes Forschungsziel hilfreich sein, sich auf eine Theorie aus einer anderen Disziplin oder einem anderen Forschungsfeld zu beziehen. Durch die Interdisziplinarität von Entrepreneurship können je nach Forschungsfokus unterschiedliche Theorien und Forschungsansätze eine Rolle spielen. Beispielsweise im Female Entrepreneurship gibt es gender-theoretische Ansätze und auch hier kann die Diskussion genauso geführt werden: Ist Female Entrepreneurship eine eigene Disziplin, hat es eigene Theorien? Sind feministische Theorien wissenschaftliche Theorien?

JT: Was ist Ihr pragmatischer Vorschlag, mit dieser Debatte umzugehen?

JH: Ich persönlich halte viel von einer Kombination aus logischem Menschenverstand und Theorien, Konstrukten oder Perspektiven, die der/die Forscher/in nutzen oder einnehmen kann und die ihr/ ihm dabei helfen, unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen, zu strukturieren und zu abstrahieren. Das heißt, wenn es eine Theorie gibt – erst einmal ganz gleich aus welcher Denkrichtung oder wissenschaftlichen Disziplin sie ursprünglich stammen mag – die sinnvoll untermauernd angebracht werden kann, dann sollte man das tun. Aber ob das eine eigenständige Theorie ist, die einem Bereich zuordenbar ist oder nicht, finde ich schwierig, insbesondere dann, wenn wir einen interdisziplinären Bereich wie Social Entrepreneurship oder Entrepreneurship diskutieren. Mich persönlich interessiert daher weniger die Diskussion darüber, ob Social Entrepreneurship oder Entrepreneurship eine eigene Disziplin ist oder nicht.

JT: Was ist dann für Sie, bezogen auf Ihren Fachbereich, relevant?

JH: Für mich ist vielmehr von Bedeutung, dass Social Entrepreneurship ein hochrelevantes Thema ist. Entrepreneurship sehe ich als ein wichtiges Thema, und es gewinnt noch an Relevanz, weil es eine zentrale Rolle im Social Entrepreneurship spielt. Das heißt, ich finde es wichtig zu unterstreichen, dass Unternehmertum eine sehr zentrale Rolle in und für die Gesellschaft spielen kann. Erstens, weil es die Gesellschaft über Vorbildrollen und finanzielle Strukturen prägt und beeinflusst. Denn Unternehmer/innen, die ihr Unternehmen nachhaltig führen, haben Einfluss auf ihre Mitarbeiter/innen, auf viele Stakeholder und die gesamte Produktionskette sowie die Gesellschaft. Und zweitens auch, weil unternehmerische Ansätze dazu beitragen können, soziale und ökologische Probleme, die in der Gesellschaft entstehen, zu lösen. Daher ist es meiner Meinung nach auch so wichtig, Social Entrepreneurship selbst und die Forschung darin zu fördern.

Das Interview führte Jana Timm, Mitarbeiterin des Portals „Grünes Wissen“, mit Prof. Dr. Jantje Halberstadt.


Prof. Dr. Jantje Halberstadt

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