Forschung zu Biographien von Changemakern

Sustainability Entrepreneur/innen sind Pioniere für den Wandel der Gesellschaft. Wie sind sie zu diesen geworden? Was für Erfahrungen haben sie im Laufe ihres Lebens gemacht? Dies beleuchtet die vorgestellte Studie etwas genauer.

Wer führt das Projekt durch?

Das Forschungsprojekt „Biographische Lernprozesse von Sustainability Entrepreneur/innen verstehen“ wird im Rahmen einer Forschung für die Erlangung des Doktorgrades durchgeführt. Projektverantwortliche ist Jana-Michaela Timm. Sie ist Doktorandin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität Lüneburg, Fakultät Nachhaltigkeit, UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“. Das Projekt wird gefördert vom Innovations-Inkubator Lüneburg und läuft von September 2010 bis voraussichtlich Ende 2015.

Was ist das Ziel der Forschung?

Das Ziel der Studie ist es, biographische Lernprozesse von Nachhaltigkeitspionieren in der Wirtschaft zu verstehen. Die Annahme, die hinter dem Projekt steht, ist, dass Sustainability Entrepreneur/innen bestimmte langfristige Entwicklungen in ihrem Leben durchlaufen, die dazu führen, dass sie zu Sustainability Entrepreneur/innen werden. An individuellen menschlichen Entwicklungen sind persönliche Merkmale und Umweltbedingungen beteiligt. Diese gilt es in dieser Studie herauszufiltern und zu kanalisieren in erste theoretische Ideen zu Entwicklungsprozessen von Sustainability Entrepreneur/innen.

Wer sind Sustainability Entrepreneur/innen?

Sustainability Entrepreneur/innen [T1] werden in der Studie als Pioniere für den Wandel der Gesellschaft, in diesem Fall insbesondere des Wirtschaftsbereiches begriffen. Als solche bewirken sie durch ihr Handeln als Multiplikator/innen die Verbreitung einer Innovation (Rogers 2003), in diesem Fall einer nachhaltigkeitsorientierten Innovation, die zu einem gesellschaftlichen Wandel beiträgt.

Was sind biographische Lernprozesse?

Biographische Lernprozesse stellen, in Anlehnung an den Erziehungswissenschaftler Theodor Schulze, Lebenserfahrungen dar. Schulze beschreibt Lebenserfahrungen (Schulze 1997:323-340) als jene Erfahrungen, welche das Verständnis der Welt um uns herum mit dem Bewusstsein über mich Selbst verbinden und erst durch das Handeln in der und in Bezug auf die Welt entstehen. Lebenserfahrungen in Schulzes Verständnis wirken damit bestimmend auf die Entwicklung des persönlichen Lebensverlaufs (Schulze 2005:43-64; Schulze 2009:56-69; Ecarius 2006:91-108).

Wie werden die Lebenserfahrungen der Entrepreneur/innen erforscht?

Um diese Lebenserfahrungen der Sustainability Entrepreneur/innen, welche für deren Biographie relevant sind, herausfiltern zu können, wurde der erziehungswissenschaftliche Forschungsansatz „erziehungswissenschaftliche Biographieforschung“ gewählt. Diesem folgend werden Sustainability Entrepreneur/innen zuerst biographisch interviewt und die Interviews dann rekonstruktiv (Schütze 1983) ausgewertet.

Das biographisch-narrative Interview (Rosenthal 2011) als Erhebungsmethode stellt die Perspektive der Interviewten, in diesem Fall der Sustainability Entrepreneur/innen, in den Mittelpunkt. Die Interviewten erzählen ihr Leben, ohne dass die/der Interviewer/in Fragen während der Erzählung einwirft. Der Grund ist, dass vorformulierte Fragen, eine bereits in der Vorstellung der/dem Forscher/in vorhandene Struktur abbilden. Diese soll in der gewählten Methode eben gerade nicht in den Vordergrund gestellt werden soll. Vielmehr ist es das Ziel, dass die Interviewten entsprechend ihrer Erzählungen nach seinen eigenen Vorstellungen bzw. Assoziationen gestalten und so in Redefluss geraten.

Der in der Studie angewandte biographisch-rekonstruktiv Auswertungsansatz „rekonstruiert“ die selbsterzählte Biographie der Interviewten und kann je nach Forschungsschwerpunkt bestimmte Merkmale der Biographie in den Fokus nehmen. In dieser Dissertationsstudie sind es die lebensbestimmenden Erfahrungen der Sustainability Entrepreneur/innen, die den Schwerpunkt der Forschung bilden.


Literatur

Ecarius, J. (2006): Biographieforschung und Lernen. In: Heinz-Hermann Krüger und Winfried Marotzki (Hg.): Handbuch erziehungswissenschaftliche Biographieforschung. 2nd ed. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwiss., S. 91–108.

Rogers, E. M. (2003): Diffusion of innovations. 5th ed. New York: Free Press.

Rosenthal, G. (2011): Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim [u.a.]: Juventa (Grundlagentexte Soziologie).

Schulze (1997): Interpretation von autobiographischen Texten. In: Barbara Friebertshäuser, Prengel und Annedore (Hg.): Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim: Juventa-Verlag, S. 323–340.

Schulze, T. (2005): Strukturen und Modalitäten biographischen Lernens. Eine Untersuchung am Beispiel der Autobiographie von Marc Chagall. In: Zeitschrift für qualitative Sozialforschung (1), S. 43–64.

Schulze, T. (2009): Annäherung an eine Theorie komplexer und längerfristiger Lernprozesse. In: Gabriele Strobel-Eisele und Albrecht Wacker (Hg.): Konzepte des Lernens in der Erziehungswissenschaft. Phänomene, Reflexionen, Konstruktionen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt (Klinkhardt Forschung, Bd. 31), S. 56–69.

Schütze, F. (1983): Biographieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis 13 (3), S. 283–293.

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