„Es gibt wenig Zeitwohlstand.“ Ein Gespräch mit Prof. Dr. Sabine Hofmeister

Die Professorin Dr. Sabine Hofmeister gibt im Interview persönliche Einblicke in ihre Arbeit. Dabei geht sie auf ihre Forschungsfelder, kritische Phasen ihrer Laufbahn sowie das brisante Gender-Thema im Wissenschaftsfeld ein.

Prof. Dr. Sabine Hofmeister ist Leiterin des Forschungs- und Lehrgebietes Umweltplanung an der Leuphana Universität Lüneburg, Fakultät Nachhaltigkeit, Institut für Nachhaltigkeitssteuerung. Zu ihren Forschungsschwerpunkte zählen: Nachhaltige Raumentwicklung, Geschlechterverhältnisse & Nachhaltigkeit sowie „Ökologie der Zeit“.

Leuphana (L): Was war Ihre persönliche Motivation diesen Beruf zu wählen?

Prof. Dr. Sabine Hofmeister (SH): Mein Motiv war und ist Neugierde: Im Studium begann ich Fragen zu entwickeln, deren Beantwortung wiederum Fragen generierte, die ich in der Promotionsphase zu beantworten suchte. Daraus resultierten neue Fragen, die ich im Rahmen meiner Habilitationsschrift behandeln wollte Dass diese Entwicklung schließlich in eine Professur einmündete, hat wohl damit zu tun, dass „man/frau“ nur so unbefristet weiterforschen kann. An einer Universität zu arbeiten, ist mir sehr wichtig, weil mir die Verbindung von Forschung mit Hochschullehre und der Qualifizierung von Nachwuchswissenschaftler/innen am Herzen liegt.

L: Wo liegen und lagen Ihre Schwerpunkte in der Forschung bzw. im Transfer?

SH: Ich bin zur Forschung an Nachhaltigkeitsthemen gelangt, indem ich gefragt habe, wie Industriegesellschaften mit Stoffen bzw. Energie so umgehen können, dass dabei die lebendigen Grundlagen des Wirtschaftens und des gesellschaftlichen Lebens wiederhergestellt bzw. reproduziert werden. Im Thema „Re/Produktion“ konnte ich – im Blick auf Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung – ökologische mit sozialwissenschaftlichen Fragen, wie die nach Geschlechtergerechtigkeit, verbinden. (Re)Produktion, d. h. die Einheit von Herstellung und Wiederherstellung/Erneuerung, hat wiederum viel mit Zeit – genauer: mit der Synchronisation verschiedener Zeiten/Zeitlichkeiten und mit Zukunft – zu tun. Hieraus resultierte mein Interesse an der „Ökologie der Zeit“.

L: Wenn Sie auf Ihren Werdegang zurückblicken: Gab es während Ihrer Laufbahnentwicklung zu irgendeinem Zeitpunkt kritische Phasen?

SH: Ja, viele! Besonders schwierig fand und finde ich die Umstellung der Hochschullehre im Rahmen des sog. Bologna-Prozesses (Modularisierung der Studiengänge, in der Folge Fragmentierung der Inhalte/Methoden sowie insgesamt weniger Eigenständigkeit in der Lehre). In der Forschung wächst der Druck, Drittmittelgelder einzuwerben, um überhaupt forschen zu können, stetig an. Beide Entwicklungen tragen dazu bei, dass organisatorische Aufgaben und administrative Tätigkeiten deutlich zunehmen. Die für Lehre und Forschung zur Verfügung stehende Zeit reicht oft nicht mehr, um alle Aufgaben für mich zufriedenstellend zu erfüllen. Bei gleichzeitig äußerst knappen Ressourcen an den Universitäten lässt die Motivation manchmal nach und die Konkurrenz unter den Kollegen nimmt zu. In solch „kritischen“ Situationen frage ich mich, ob nicht gerade das zu kurz kommt, was ich an meinem Beruf schätze: die Freude am Problemlösen in der Zusammenarbeit mit anderen.

L: Um Ihren Beruf „realistisch“ darzustellen, hätte ich gerne eine „kritische Würdigung“ von Ihnen. Wenn Sie also einen kritischen Blick auf Ihren Beruf werfen, was würden Sie dazu sagen?

SH: Es gibt wenig „Zeitwohlstand“ außerhalb der wissenschaftlichen Arbeit, aber auch – und das wiegt schwerer – für die wissenschaftliche Arbeit. Gute Forschung und Lehre brauchen Zeit; Zeit für das gründliche und genüssliche Studium der Fachliteratur, für ausführliche und offene Fachgespräche mit Mitarbeiter/innen und Kollegen/innen und Zeit, sich jenen lebensweltlichen Problemen, die zu bearbeiten wir uns als Nachhaltigkeitswissenschaftler/innen verschrieben haben, auch im außerwissenschaftlichen Raum zu widmen.

L: Mehr Frauen in Professuren – ein bundes- und landesweites Ziel! Welche Maßnahmen sollten an Hochschulen Ihrer Meinung nach ergriffen werden?

SH: Ich denke, eine Schlüsselfunktion kommt der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu; hier brauchen junge Wissenschaftlerinnen eigene Räume, z. B. ein eigenes Mentoring/Coaching, kompetente Mentorinnen, erfahrene Wissenschaftlerinnen, die sie auf ihrem Weg begleiten. Wenn es dann einmal so weit ist, dass wir in allen Fachbereichen/Fakultäten eine „kritische Masse“ an Professorinnen beschäftigen – Studentinnen also auch weibliche Vorbilder in allen Disziplinen finden können – ist schon sehr viel erreicht.

L: Was würden Sie Frauen für den Beruf der Professorin bzw. für eine akademische Laufbahn mit auf den Weg geben?

SH: Sie brauchen Vertrauen: in die eigene Kompetenz, die richtigen Fragen zu stellen und Wege zu finden, sie zu beantworten. Sie sollten darauf vertrauen, dass die eigenen wissenschaftlichen Fragen die „wichtigen“ sind, nicht unbedingt das, wofür es üppige Fördertöpfe oder Anerkennung in der „Community“ gibt. Darüber hinaus ist es wichtig, Netzwerke zu suchen, zu pflegen und aufzubauen. Gute Ratschläge kann man offensiv suchen, und Vertrauenspersonen bitten, Kritik offen an- und auszusprechen. Aus meiner Erfahrung als Berufspendlerin kann ich sagen, dass unser Beruf ausreichend multilokal ist – wohin auch immer „der Ruf“ geht: die Familie sollte man versuchen, bei sich zu haben. Und zu guter Letzt: immer wieder Grenzen setzen! Man sollte seine (Zeit-)Räume für die eigene wissenschaftliche Arbeit unbedingt verteidigen.

Der vorliegende Text ist geändert und gekürzt. Das Interview führten Nele Bastian und Corinna Kröger vom Frauen- und Gleichstellungsbüro der Leuphana Universität Lüneburg im Jahr 2014. Das Interview ist in voller Länge in der Broschüre “Professorinnen gestalten Wissenschaft, Hochschulkultur und Lebenszeit” erschienen. Weitere Informationen zu Prof. Dr. Sabine Hofmeister sind hier zu finden.


Prof. Dr. Sabine Hofmeister

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