“Ein solcher Vertrag benötigt Jahre der Debatte”

Was bedeutet es, wenn mehrere Nationen an einen Tisch kommen um ein Abkommen zum Umgang mit Erderwärmung und Klimarisiken zu finden? Prof. Dr. Hartmut Graßl spricht im Interview über die Herausforderungen und Ergebnisse der Pariser Klimakonferenz.

Prof. Dr. Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe, ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und ehemaliger Professor der Universität Hamburg. Er übt Funktionen in verschiedenen wissenschaftlichen, wissenschaftspolitischen und wirtschaftlichen Gremien aus. Von 1992 bis 1994 sowie von 2001 bis 2004 war Graßl Mitglied und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates „Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) der Deutschen Bundesregierung. Von 1994 bis 1999 arbeitete er als Direktor des Weltklimaforschungsprogrammes bei der „World Meteorological Organization“ (WMO) in Genf. Bereits in den 1980er Jahren warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Grünes Wissen (GW): Herr Graßl, im Dezember 2015 verpflichteten sich erstmals alle 195 Vertragsstaaten der Klimakonvention der Vereinten Nationen bei ihrer 21. Vertragsstaatenkonferenz in Paris zum Klimaschutz. Wie ordnen Sie dieses Ergebnis vor dem Hintergrund vergangener Konferenzen ein?

Hartmut Graßl (HG): Es ist ein echter Durchbruch, weil jetzt fast alle Länder zu Klimaschutzmaßnahmen bereit sind und das Langfristziel, die mittlere globale Erwärmung unter 2°C zu halten (beschlossen bei COP16 in Cancun) sogar noch verschärft worden ist durch den Zusatz 1,5°C anzustreben. Allerdings sind die bisher von 187 Ländern genannten eigenen Reduktionsziele noch bei weitem nicht ausreichend…

GW: Diplomatie gegen den Klimawandel: Wie kann man sich das vorstellen?

HG: Ein solcher Vertrag benötigt Jahre der Debatte und eine klare Verhandlungsstrategie. So ist bei der 17. Vertragsstaatenkonferenz zur Klimakonvention der Vereinten Nationen in Durban, Südafrika, eine sogenannte Ad-hoc Arbeitsgruppe eingerichtet worden, die bis zur COP21 einen völkerrechtlich verbindlichen Vertragstext vorlegen sollte. Bei allen COPs seither und in vielen Zwischentreffen hat man sich dem Vertrag in zähen und oft kontroversen Debatten genähert. Dennoch war der jetzt akzeptierte Text auch noch zum Schluss umstritten. Der Verhandlungsführer, Frankreichs Außenminister Laurent Fabius, hat in den letzten Minuten am Abend des 12. Dezember 2015 noch immer protestierende Länder „übersehen“, schlug mit dem Hammer auf das Pult und erlaubte danach zur Besänftigung der Protestierenden Wortmeldungen. Nur Nicaragua hat die Chance dazu ergriffen. Ganz wesentlich für den Erfolg war der fünfte bewertende Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaänderungen der Vereinten Nationen (der Synthesebericht aller drei Arbeitsgruppen ist im November 2014 veröffentlicht worden), in dem die Wissenschaftler die schon laufende Änderung des globalen Klimas beschrieben hatten und von der Menschheit als dem höchstwahrscheinlichen Verursacher sprachen.

GW: Die Beteiligten verfolgen jeweils andere Interessen. Was für Entscheidungen sind möglich? Welchen Einfluss haben wirtschaftliche oder gesellschaftliche Lobby-Gruppen?

HG: Die Interessen sehr unterschiedlicher Länder – denken Sie z.B. nur an Schweden, Saudi Arabien und Burkina Faso – sind im diplomatischen Rahmen und im Rahmen der Vereinten Nationen, bei Geltung von „ein Land, eine Stimme“ und „Emissionen pro Kopf“, so anzunähern, dass ein solcher Test für das globale Gemeinwohl im Sinne von „etwas Weltinnenpolitik“ auch von vielen Diktatoren bestanden wird. Eine wichtige Rolle spielen dabei internationale Nichtregierungsorganisationen, die den kleinen Entwicklungsländern helfen und die Teile der Zivilgesellschaften in den hochentwickelten Ländern, die uneigennützig für mehr Gerechtigkeit einstehen. Denn die weniger entwickelten Länder sowie die ärmeren Teile der Gesellschaften spüren die Nachteile der Klimaänderungen eher und stärker.

In diesem Jahr gab es einen stillen befördernden Teilnehmer: Den stark gesunkenen Preis für Strom aus der Fotovoltaik. In an Sonnenschein reichen Ländern ohne viel, meist subventionierte, fossile Brennstoffe wäre es ja unwirtschaftlich die Energieversorgung nicht rasch auf die Nutzung der Sonne umzustellen. Aber auch bei uns ist das bisherige Geschäftsmodell der großen Elektroversorger wenigstens teilweise gescheitert.

GW: Manche Länder sind also bereits mehr von den Folgen des Klimawandels betroffen als andere. Wie wird damit bei einer solchen Konferenz umgegangen?

HG: Wie schon gesagt, leiden die armen Länder an den überwiegend von den Industrieländern verursachten Klimaänderungen nicht nur stärker, sondern sie haben die Mittel zur Anpassung kaum. Deshalb ist eine wesentliche Säule des Paris-Abkommens der sogenannte green climate fund, der ab 2020 jährlich mit mindestens 100 Milliarden USD gefüllt werden soll, um in armen Entwicklungsländern Anpassung an die Klimaänderungen zu finanzieren. Die Umsetzungsregeln für viele der beschlossenen Maßnahmen werden sicherlich den nächsten beiden COPs viel Arbeit machen. Zum ersten Mal ist jetzt auch die Kompensation von Verlust und Schäden Teil des Abkommens. Bei diesem neuen Aspekt wird sicherlich noch viel juristische Prüfung in nationalen und internationalen Gerichtshöfen notwendig werden, bis es zu einem echten Werkzeug in der Klimapolitik wird.

GW: Den Ergebnissen der Klimakonferenzen sollen nun konkrete Handlungen und politische Maßnahmen folgen. Wie zuversichtlich sind Sie in diesem Prozess?

HG: Das Paris-Abkommen wird wohl rasch von der notwendigen Zahl der Vertragsstaaten ratifiziert (55 mit mindestens 55% der globalen Emissionen), um völkerrechtlich verbindlich zu werden. Dann gelten ab 2020 die Verpflichtungen und sie werden überprüft. Sicherlich werden hoch entwickelte Länder wie Deutschland dann einen Masterplan zum Ausstieg aus der Kohlenutzung haben. Viel schwieriger wird der Abschied vom Erdöl sein, weil der Straßengüterverkehr, das Heizen vor allem der nicht modernisierten Immobilien, und der Flugverkehr so stark davon abhängen. Fortschritte bei der Forschung zu erneuerbaren Energieträgern und die Massenproduktion bei Solarenergieanlagen werden Klimaschutz aber erleichtern.

Prof. Dr. Hartmut Graßl wurde zahlreich ausgezeichnet, u.a. 1991 mit dem Max-Planck-Preis, 1998 mit dem Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und 2002 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz am Bande. 2013 wurde ihm die Medaille der Europäischen Meteorologischen Gesellschaft verliehen. 

Das Interview führte Nora Wehofsits, Koordinatorin bei ‘Grünes Wissen’.

Weitere Informationen:

Originaltext des Klima-Abkommens (Paris 2015) (englisches PDF)

Webseite der Klimakonferenz

Globale Nachhaltigkeitsagenda 2030

COP 21 Hintergrundpapier von Germanwatch (PDF)


Prof. Dr. Hartmut Graßl

Zurück zum Thema:
Klimawandel
Zurück zur Kategorie:
Wissenschaftliche Perspektiven