Drei Disziplinen in einem Forschungsprojekt

Wie sieht ein Forschungsprojekt aus, dass sich das Wissen mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen zunutze macht? Das vorgestellte Forschungsprojekt nutzt das Wissen aus drei Disziplinen, um sein Forschungsziel zu bearbeiten.

Wer führt das Projekt durch?

Das Forschungsprojekt „Biographische Lernprozesse von Sustainability Entrepreneur/innen verstehen“ wird im Rahmen eines Promotionsvorhabens durchgeführt. Projektverantwortliche ist Jana-Michaela Timm. Sie ist Doktorandin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität Lüneburg, Fakultät Nachhaltigkeit, UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“. Das Projekt wird gefördert vom Innovations-Inkubator Lüneburg (www.leuphana.de/inkubator) und läuft voraussichtlich bis Ende 2015.

Was ist das Ziel der Forschung?

Das Ziel der Studie ist es, biographische Lernprozesse von Nachhaltigkeitspionieren in der Wirtschaft zu verstehen. Bei biographischen Lernprozessen handelt es sich um Erfahrungen, die ein Individuum im Laufe seines Lebens macht und welche eine gestaltende Wirkung auf das Leben (Biographie) haben und dadurch, den individuellen Biographieverlauf entscheidend mitbestimmen (Schulze 2005).

Um dieses Forschungsziel bearbeiten zu können, ist das Projekt als multidisziplinäre Forschung angelegt. Drei Themen spielen dabei eine Rolle, die wiederum verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zugeordnet werden können: 1) Nachhaltige Entwicklung (Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitswissenschaften), 2) Entrepreneurship (Wirtschaftswissenschaften, Management Studien) und 3) Lernen (Erziehungswissenschaften). Doch wie finden diese Themen bzw. Disziplinen Eingang in die Forschung?

Wie wird die Bedeutung des Forschungsthemas begründet?

Die Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitswissenschaften dienen zur konzeptionellen und theoretischen Begründung der Arbeit. Ausgangspunkt sind naturwissenschaftliche Analysen, die besagen, dass die planetarischen und ökologischen Grenzen erreicht oder sogar überschritten sind. Die Folge sind unumkehrbare Änderungen am ökologischen System, deren Auswirkungen auf die klimatischen, ökologischen und sozialen Bedingungen durch menschliche Analysen nicht abschätzbar sind.

Begründet wird dies in Anlehnung an die Argumentation des niederländischen Atmosphärenforscher Paul J. Crutzen und Eugene F. Stoermer, die vorschlagen, das Zeitalter nach der industriellen Revolution als eine neue geochronologische Epoche zu anzusehen. Betiteln tun sie es als „anthropozänes Erdzeitalter“, also als das „menschlich gemachte Zeitalter“ (Crutzen und Stoermer 2000). Crutzen, Stoermer und andere Wissenschaftler/innen argumentieren, dass die Menschheit mittlerweile dafür verantwortlich ist, dass acht Mal so viel Erdmasse durch menschliche wie durch natürliche (geologische) Prozesse bewegt werden (Crutzen 2002). Das heißt, dass der Mensch einen größeren Einfluss auf die Umwelt hat als natürliche Kräfte. Mit dieser „Macht“ über die Biomassebewegung geht laut Crutzen eine ethische Dimension einher: Verantwortung. Verantwortung gegenüber anderen Menschen, die heute oder in der Zukunft leben und Verantwortung gegenüber heutigen und zukünftigen Lebewesen.

Entsprechend betont die nachhaltigkeitswissenschaftliche Perspektive die Dringlichkeit zu Handeln. Nach der nihilistischen und industriellen Revolution wird sogar die dritte große Transformation vorausgesagt: die Transformation in Richtung einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung (WBGU 2011; Barth 2015).

Wie werden Sustainability Entrepreneur/innen als Untersuchungsgruppe definiert?

Die wirtschaftswissenschaftliche Perspektive aus der Management- bzw. Entrepreneurship-Forschung dient zum einen ebenfalls als Begründungsrahmen für die Relevanz der Forschung. Zum anderen stellt sie die theoretische Basis für ein Verständnis der Untersuchungsgruppe (Sustainability Entrepreneur/innen) dar, die in einem wirtschaftstheoretischen Rahmen anzusiedeln ist. Entrepreneur/innen werden als gesellschaftliche Pioniere in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung verstanden, welche eine bedeutende Rolle ein in dem Prozess einer Transformation einnehmen. Ein Bezugspunkt stellt dabei die entrepreneuriale Theorie des Ökonomen Joseph Schumpeter der „kreativen Zerstörung“ dar, in der Entrepreneur/innen systematische Irritationen hervorrufen, die einen Wandel zur Folge haben. Auch wenn Schumpeter diesen Wandel innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems einordnet, so können Entrepreneur/innen als Gestalter/innen verstanden werden als Innovator/innen, die mit ihren innovativen Geschäftsideen einen sozial-ökologischen Wandel im System oder des System selbst bewirken (Jones, Wadhwani 2007) .

Wie werden die Lebenserfahrungen von Sustainability Entrepreneur/innen erforscht?

Um zu verstehen, welche Erfahrungen tatsächlich relevant für den Lebensverlauf in Richtung Nachhaltigkeit als berufliche Ausprägung war, wird in dieser Studie zum einen ein erziehungswissenschaftliches Verständnis von biographischen bzw. lebensgeschichtlichen Lernen zu Grunde gelegt. Zum anderen wird eine erziehungswissenschaftliche Forschungsansatz, die erziehungswissenschaftliche Biographieforschung (Marotzki 1999; Schulze 1997), angewandt. Zur Datenerhebung wird das „biographisch-narrative Interview“ (Schütze 1983) genutzt. Für die Auswertung dieser Daten wird kommt die „rekonstruktive Fallanalyse“ (Rosenthal 2011) zur Anwendung.


Literatur

Barth, M. (2015): Implementing sustainability in higher education - Learning in an age of transformation. Routledge studies in sustainable development.

Crutzen, P. J.; Stoermer, E. F. (2000): The “Anthropocene”. In: Global Change Newsletter (41), S. 17–18. Online verfügbar unter http://www.igbp.net/download/18.316f18321323470177580001401/NL41.pdf.

Crutzen, P. J. (2002): Geology of mankind. In: Nature 415 (6867), S. 23.

Jones, G.; Wadhwani, R. D. (2007): Entrepreneurship and global capitalism. Cheltenham: Edward Elgar Pub. (The International library of entrepreneurship, Volume I).

Marotzki, W. (1999): Erziehungswissenschaftliche Biographieforschung. Methodologie - Tradition - Programmatik. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (3), S. 325–341. Online verfügbar unter http://www.pedocs.de/volltexte/2011/4525/pdf/ZfE_1999_03_Marotzki_Biographieforschung_D_A.pdf, zuletzt geprüft am 19.12.2014.

Oldfield, F.; Barnosky, T.; Dearing, J.; Fischer-Kowalski, M.; McNeill, J.; Steffen, W.; Zalasiewicz, J. (2013): The Anthropocene Review: Its significance, implications and the rationale for a new transdisciplinary journal. In: The Anthropocene Review 0 (0), S. 1–5. Online verfügbar unter http://www.uk.sagepub.com/repository/binaries/pdf/ANR-abstract.pdf.

Rosenthal, G. (2011): Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim [u.a.]: Juventa (Grundlagentexte Soziologie).

Schulze, T. (1997): Interpretation von autobiographischen Texten. In: Barbara Friebertshäuser, Prengel und Annedore (Hg.): Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim: Juventa-Verlag, S. 323–340.

Schulze, T. (2005): Strukturen und Modalitäten biographischen Lernens. Eine Untersuchung am Beispiel der Autobiographie von Marc Chagall. In: Zeitschrift für qualitative Sozialforschung (1), S. 43–64.

Schütze, F. (1983): Biographieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis 13 (3), S. 283–293.

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) (2011): Hauptgutachten - Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. 2. Aufl. WGBU. Berlin. Online verfügbar unter http://www.wbgu.de/hauptgutachten/hg-2011-transformation/.

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