“Die Energiewende wird noch Jahrzehnte dauern.”

Das Öko-Institut hat die erste Studie zu Szenarien einer alternativen Energiezukunft bereits im Jahr 1980 vorgestellt. Prof. Dr. Rainer Grießhammer, Geschäftsführer des Instituts, gibt im Interview Einblicke in aktuelle Projekte des Transformationsprozesses.

Prof. Dr. Rainer Grießhammer ist Geschäftsführer des Öko-Institut e.V. in Freiburg. Forschungsschwerpunkte des promovierten Chemikers sind nachhaltiger Konsum, nachhaltige Produkte und produktbezogener Klimaschutz.

Grünes Wissen (GW): Herr Grießhammer, das Öko-Institut hat den heute international etablierten Begriff „Energiewende“ entscheidend geprägt. Was genau ist unter dem Schlagwort zu verstehen?

Prof. Dr. Rainer Grießhammer (RG): Der Begriff und die Strategie stammen erstmals aus dem bereits 1980 vom Öko-Institut veröffentlichten Buch „Die Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“. Gemeint ist eine zielorientierte Transformation der Energieversorgung: einerseits soll so viel Energie wie möglich gespart werden, andererseits soll der verbleibende Energiebedarf komplett durch erneuerbare Energien gedeckt werden, bei parallelen Ausstieg aus der Atomenergie und mittelfristig der Kohle- und Ölnutzung. Im Wesentlichen betrifft das die Bereiche Strom, Wärme und Verkehr.

GW: Das Öko-Institut koordiniert derzeit 33 Forschungsvorhaben mit über 100 Teilprojekten zum Thema „Energiewende“. Wie viele Menschen sind in diesem Gesamtvorhaben beteiligt und welchen Stellenwert hat das Thema Energie im Öko-Institut?

RG: Zusammen mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung koordinieren wir das Programm „Umwelt-und gesellschaftsverträgliche Transformation des Energiesystems“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Direkt sind daran über 100 Organisationen und mehrere 100 Bearbeiter/innen beteiligt. Über lokale und regionale Demonstrations-Projekte, Umfragen und Öffentlichkeitsarbeit werden natürlich noch viel mehr Personen erreicht. Die Themen Energie und Klimaschutz haben im Öko-Institut seit Gründung einen sehr hohen Stellenwert. Und das wird sicherlich die nächsten Jahrzehnte so bleiben, denn die Energiewende wird leider auch noch Jahrzehnte dauern.

GW: In den besagten Forschungsprojekten arbeiten unterschiedliche Akteure wie Hochschulinstitute, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Praxispartner/innen und auch Bürger/innen zusammen. Was sind Ihrer Erfahrung nach die konkreten Chancen und auch Herausforderungen bei dieser sogenannten inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit? Wie gehen Sie als Leiter der Wissenschaftlichen Koordination damit um?

RG: Solche Projekte sind vor allem dann erfolgreich, wenn die Zusammenarbeit durchgängig ist: angefangen von der gemeinsamen Problem-Definition über die Bearbeitung bis hin zur Diskussion gemeinsamer Schlussfolgerungen und der eigentlichen Umsetzung der entwickelten Maßnahmen. Kritisch ist vor allem die Hochskalierung, also die Vervielfachung bzw. Übernahme durch viele weitere Akteure. Ein ironischer Spruch heißt ja: „Projects never fail, projects never scale.“ Speziell bei der Koordination des BMBF-Programms besteht unsere Aufgabe vor allem darin, die Synergien zwischen den Projekten zu stärken, auf eine gemeinsame Datenbasis zu drängen, und den Transfer in die gesellschaftliche Praxis zu unterstützen.

GW: Den Forschungsergebnissen sollen auch konkrete Handlungsempfehlungen folgen. Wie zuversichtlich sind Sie in diesem Prozess? Treffen solche Empfehlungen wirklich auf Resonanz und einen politischen Willen diese umzusetzen?

RG: Gute und in der Praxis erprobte Ergebnisse setzen sich meist durch, auch wenn es manchmal mehrere Jahre bis zur Verbreiterung braucht. Die Politik übernimmt vielfach Empfehlungen aus der Wissenschaft. Aber natürlich gibt es wie bei jeder Transformation auch erhebliche Konflikte durch die starke Lobby der potentiellen Verlierer. Die Konfliktlinien gehen quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen. Innerhalb der Industrie, zwischen den Bundesländern (siehe die Aufkündigung der Zusage zum Netzausbau durch Ministerpräsident Seehofer), und auch innerhalb der Initiativbewegung der Bürger/innen gibt es grün-grüne-Konflikte, wie der Streit um neue Windkraftanlagen, Pumpspeicherkraftwerke oder der Ausbau des Stromnetzes zeigen.

GW: Was ist Ihre persönliche Einschätzung: Wann ist Deutschland zu 100% durch erneuerbare Energien versorgt?

RG: Das Zieljahr der Energiewende ist mit 2050 das Gleiche wie in den globalen und nationalen Klimaschutzszenarien. Und viel vorher wird das Ziel nicht erreicht werden. Im Bereich Stromerzeugung ist man heute mit rund 30 % Anteil der erneuerbaren Energien schon weit gekommen. Bei der Wärmeversorgung in der Industrie und den privaten Haushalten stehen wir jedoch erst am Anfang, genauso wie im Bereich Verkehr/Elektromobilität. Das spricht aber nicht gegen die perspektivische Zielerreichung, denn die Sanierung des gesamten Gebäude-Bestands, der Aufbau neuer Verkehrs-Strukturen und der Mentalitätswandel bei 40 Millionen Autobesitzer/innen brauchen eben Zeit.

Das Interview mit Prof. Dr. Rainer Grießhammer führte Hanna Selm („Grünes Wissen“). Weitere Informationen zum Thema können auf der Plattform Transformation des Energiesystems gefunden werden.


Prof. Dr. Rainer Grießhammer

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