Bericht aus der Praxis: Nachhaltigkeitsforschung mit unterschiedlichen Akteuren

Dr. Bettina Brohmann ist Forschungskoordinatorin für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitswissenschaften am Öko-Institut und erklärt, warum ist es wichtig, dass Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten und wie dies möglich ist.

Eine Zusammenarbeit von unterschiedlichen Akteuren ist für die Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung wesentlich, da sie Fragen beantworten möchte, die die Wissenschaft alleine nicht beantworten kann. Wo haben die globalen Probleme ihren Ursprung? Welche Wege sind geeignet, ihnen zu begegnen? Und wie kann unsere Gesellschaft den notwendigen Wandel vollziehen? Diese Fragen kann die Wissenschaft nicht alleine beantworten, aufgrund ihrer Komplexität ist neues Wissen und hierfür die Expertise unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure notwendig. Im Rahmen der Transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung ist die Wissenschaft darüber hinaus nicht mehr allein Wissensproduzentin. Die Forschung erhält hier eine neue Rolle, indem sie Veränderungsprozesse anstößt und begleitet, indem sie Wissen generiert, das von unterschiedlichen Akteuren angewendet werden kann. Bereits bei der Formulierung der Forschungsfrage wird der Blick aus der Praxis integriert.

Ein Beispiel aus der Praxis: Neue Städte

Die Transdisziplinarität ist dem Öko-Institut sozusagen in die Wiege gelegt, da es von Anfang an transdisziplinär gearbeitet hat. Auch ich selbst habe schon zahlreiche transdisziplinär angelegte Forschungsvorhaben begleitet – so etwa zur Jahrtausendwende das Projekt „Nachhaltige Stadtteile auf innerstädtischen Konversionsflächen: Stoffstromanalyse als Bewertungsinstrument“, das gemeinsam mit zwei Verbund- sowie zwei Praxispartnern durchgeführt wurde. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projektes wurden zwei Stadtteile unter die Lupe genommen, die nachhaltig entwickelt werden sollten: die Vorstadt Nord im brandenburgischen Neuruppin sowie das Vauban-Viertel in Freiburg. In Neuruppin sollte ein Areal im Sinne von Reurbanisierung und Renaturierung als Stadtteil entwickelt werden, der in die Landschaft übergeht. In Freiburg sollte ein ehemaliges Kasernenareal in einen modellhaften nachhaltigen Stadtteil umgewandelt werden. Ziel war es, die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen dieser Projekte zu bewerten, die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit zu überprüfen sowie das Zusammenwirken der unterschiedlichen Akteure zu untersuchen. Darüber hinaus sollten aus den Ergebnissen konkrete Handlungsempfehlungen für die beiden Projekte entwickelt werden.

Zunächst wurden Gespräche mit Bewohnern, Planern und Investoren geführt. Hierbei sollten die Ziele der Akteure – so etwa eine optimierte Ressourcennutzung oder auch eine bessere Bürgerbeteiligung – sowie die entsprechenden Indikatoren der Zielerreichung ermittelt werden. Zudem wurden vor Ort ökologische, ökonomische und soziale Daten gesammelt und die ökologischen sowie sozio-ökonomischen Wirkungen mit einer Stoffstromanalyse bewertet. Dabei wurden etwa CO2-Emissionen, aber auch Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft sowie die Einbeziehung der (künftigen) Bewohner in Planungen und Entscheidungsprozesse analysiert. Schließlich wurden die Ergebnisse der Analyse mit den Zielen der Akteure vor Ort abgeglichen, ein Maßnahmenkatalog zur nachhaltigen Stadtteilentwicklung zusammengestellt und die Ergebnisse in den Stadtteilen diskutiert. Ein wesentliches Ergebnis unserer Analyse ist, dass städtische Quartiere, bei deren Planung die Bewohner beteiligt und die nach ökologischen Kriterien sowie unter Nutzung regionaler Ressourcen umgesetzt werden, substanzielle Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten.

Was in der transdisziplinären Zusammenarbeit wichtig ist

Das Projekt zeigt, wie sinnvoll es sein kann, gezielt die Expertise von Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen zu integrieren. Aus eigener Erfahrung kann ich nur betonen, wie wichtig es ist, dabei zentrale Forschungsstandards einzuhalten. Bei der Einbindung von Stakeholdern wird zum Beispiel oft der Fehler gemacht, dass sie als Erforschte und nicht als aktiver Part der wissenschaftlichen Projekte angesprochen werden. Es ist jedoch wichtig, wirklich mit externen Akteuren zusammenzuarbeiten – beim Design des Forschungsprojektes ebenso wie im Arbeitsprozess und in seiner Auswertung. Auch darüber hinaus gibt es zahlreiche Standards zu beachten. Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel auch die begleitende Evaluierung und Prozessbeobachtung, sie sind zentrales Element der Transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung, ihre Umsetzung ist jedoch keine einfache Aufgabe.

Notwendig ist zudem ein grundsätzliches Umdenken in der Frage, wie die Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit erreicht werden kann – so etwa im Bereich des privaten Konsums. Schon so viele Jahre befassen wir uns bei diesem Thema mit Informationstools oder Labels, die den Verbraucher von mehr Nachhaltigkeit überzeugen und alternatives Verhalten initiieren sollen. Doch wäre es nicht viel sinnvoller, auch die Rahmenbedingungen zu ändern? Wenn man den großen globalen Herausforderungen begegnen will, muss man sich auch mal trauen, neue Wege zu gehen und das Problem von einer anderen Seite anzupacken.

Dieser Beitrag wurde gekürzt. Das Original ist in voller Länger hier zu finden. Für inhaltliche Fragen wenden Sie sich gerne an b.brohmann@oeko.de


Dr. Bettina Brohmann

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